Kolumne: Woanders
Stellt Euch vor, Berlin wäre ein großes Schiff. Wir stehen auf dem Oberdeck, unsere Gesichter gegen die Kälte vermummt und wir lehnen uns gegen den eisigen Wind. Fragt Ihr Euch auch, warum wir auf einem Eisbrecher sind? Wie wäre es denn mit einem schneller Segler? Dann steuern wir mal weg von diesem Kontinenten und lassen uns in wärmere Gewässer treiben, legen dann irgendwann Anker vor, sagen wir, Australien, und alle die sich in den Kajüten mit heißem Tee versteckt hatten, können jetzt auch nach oben kommen und wir sonnen uns an der nächsten Küste. Da vorne findet ein Meeting der Bahn AG statt und die Mitarbeiter lachen über fast vergessene Plagen wie vereiste Schienen, spielen mit den nackten Füßen im Sand und planen den Aufbau einer Surfschule.
Hm.
Was wäre wenn. Wie oft sind wir in Gedanken weit weg von unserer eigentlichen Realität. Ein kleiner Ausflug in das Land in dem alles läuft wie am Schnürchen, jede Verhandlung eher wie Erdbeeren mit Eis essen ist und die Schule so eine Art Freibad mit Freibier. Schwarze Zahlen, weiße Strände, ein Blick in den grenzenlosen Himmel, schillernde Papageien fliegen Loopings in der strahlenden Sonne und krähen dabei. Krähen? Ach ja. Zwei Krähen auf dem zugeschneiten Auto, das wahrscheinlich wieder nicht anspringen will. Es sind gefühlte minus 30 Grad und der Termin mit der Bank ist schon in 15 Minuten. Mist.
Woanders sein. Aussteigen.
Die Augen wieder aufzumachen kann unbequem sein. Und sehr hilfreich. Je mehr wir im "Jetzt" sind, umso deutlicher können wir sehen, warum wir gerade dort stehen, wo wir stehen, und was wir ändern können. Jeder Tagtraum kann ein Indiz dafür sein, was uns stört und was wir eigentlich wollen. Wie kleine Ausflüge für die eigene Kurskorrektur. Ausflüge, nicht Reisen. Wenn wir zu lange "unterwegs" sind, verpassen wir vielleicht, wo wir in der Realität tatsächlich hinsteuern. Und dann sind wir meistens vor eine Wand gefahren und es geht so nicht weiter. Besser also, vorher zurück zu kommen. Oskar Lafontaine hat seine Erkrankung als "Warnschuss" bezeichnet, und stellt sich nun seiner wirklichen Realität, und es ist gut, wenn wir solche Signale ernst nehmen, und es ist noch besser, wenn wir dazu nicht erst einen Schicksalsschlag brauchen.
Na dann: Handschuhe an, Segel setzen und Ruder hart Backbord, durch das Eis. Und die Sonnenbrille nicht vergessen - wir sind zwar nicht in Australien, aber die Sonne scheint ja Gottseidank auch hier im Winter :)
Wo steuert Ihr diese Woche hin?


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