Kolumne: Ein Spiel
Du hast dich vor einer Stunde in den Kleiderschrank gezwängt, flach geatmet und drei Nieser unterdrückt, du musst wirklich dringend auf die Toilette - aber du kannst nicht hören, ob sie Timo schon gefunden haben, und Du willst unbedingt gewinnen.
Du bist an der Reihe, der Würfel zeigt eine Vier, du schiebst den gelben und den grünen Agenten weiter, obwohl deine Farbe Rot ist, und zerkaust unschuldig ein paar Salzstangen.
Stefan hat drei Karten genommen, der Schweiß tropft wie in Zeitlupe von deiner Stirn auf dein niedriges Blatt, aber du nimmst nur eine. Alle anderen haben schon gepasst. Er überlegt und setzt seine letzten 20 Euro und ein Wochenende mit seinem Segelboot, erstauntes Raunen - und dann lächelst du siegesgewiss in die Runde und legst deine Autoschlüssel zum Pot. Stefan knickt ein.
Wer nicht nur gerne spielt, sondern noch lieber gewinnt, weiß, dass Taktik eine wichtige Voraussetzung ist, und das nicht nur auf dem Schachbrett. Ein gelungenes Täusch-Manöver und die Trophäe gehört Dir. Das ist in bestimmen Spielen die goldene Regel, nicht in allen, aber: sie kann beliebig auf alles im Leben angewendet werden. Und natürlich kann auch effektives Mogeln zum Ziel führen, wenn man halt nicht erwischt wird.
Wir lernen dann auch früh die Konsequenzen kennen: Deine Freunde lassen Dich nicht mehr mitspielen, für die fein notierten aber doch nicht so gut getarnten französischen Vokabeln auf dem Mäppchen gibt es eine Sechs, vielleicht auch, weil dich jemand verpfiffen hat. Und wenn Dich der Schaffner auf der Zugtoilette findet, lacht ihr eher nicht und sucht dann gemeinsam nach anderen Versteckten. Und statt auszusetzen kommt man in den Knast. Eindeutige Lektionen, könnte man meinen.
Aber: wir mogeln weiter, haben ein As im Ärmel, bedienen uns heimlich aus der (Spiel-)Bank. Na gut, wenn das Leben ein Spiel ist, und wir alle auf einem Spielbrett stehen, ist das Ganze ja auch ziemlich unübersichtlich, und wenn jeder die Regeln anders interpretiert, wird es erst recht kompliziert. Es ist anscheinend kein Kinderspiel. Aber wer entscheidet dann, wie wir spielen, in welchen Teams wir sind, und was der Preis ist?
Was denkt Ihr?


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