Kolumne: Ein Experiment
Wir haben den Winter mit Krawall und frierenden Zehen verabschiedet, denn wir wussten: am Aschermittwoch ist alles....nanu?
Der Schnee schmilzt. Die Sonne legt sich orange und satt über ganz Berlin. Die Vögel singen plötzlich von jedem Baum als hätte jemand in der Nacht den Schalter auf Frühling gelegt. Das ist doch verrückt! Jetzt ist doch eigentlich Buße angesagt, und Umkehr, und Verzicht. Auf was verzichten, überlegst du, und liest: "Becher gemischt 2€ (4 Kugeln)" Hm! Es riecht nach Waffeln, und während du die Sorten "Feige mit Joghurt" und "Erdnuss mit Schokolade" probierst, spazierst du an wild beschilderten Schaufenstern entlang. Auf alles 70%. Hm!
Du könntest ja auf...dein Handy verzichten. Nein. Ganz dumme Idee. Das würde eher sehr teuer - alle vom Festnetz anrufen, besser nicht! Und sehr stressig, oder? Hinfahren statt nachfragen, keiner konnte dir mitteilen, dass sich heute alle woanders treffen... nein danke.
Dann Internet. Schon bei dem Gedanken lachst du, wie soll das gehen! Dann Alkohol. Bis Ostern? Na wenn schon, denn schon. Hm. Kein Kaffee. Oh Gott.
Ist das wirklich so kompliziert, oder hast du bloß Angst. Wahrscheinlich beides. Man könnte ja mal ein Experiment machen. Zwei Tage kein Handy, kein Internet, kein Kaffee, nix. Gucken was passiert.
Gut. Aber das ist ja irgendwie kein richtiges Fasten.
Nicht mehr Schwarzfahren, auch nicht wenns eng wird... Ein Akkordeonspieler dudelt unentwegt vor dem Plattenladen und singt auch noch dazu, es nervt unfassbar, darauf könntest du zum Beispiel sehr gerne lange Zeit verzichten. Aha! Aber wie kannst du darauf verzichten? Das ist der Punkt. Und hier fängt dein persönliches Fastenexperiment an:
Es bedeutet nicht, dass du dem Mann nahe legst, er möge doch für die nächsten Wochen mal in Moabit dudeln. Und du wirst auch nicht auf diesen Weg verzichten, da vorne ist ja deine Haltestelle, nein. Du verzichtest auf: deine Gereiztheit. Das ist ein enormes Fasten-Projekt! Du verzichtest zwar nicht auf Kaffee, aber du verzichtest darauf, morgens vor deinem ersten Kaffee die Leute anzumaulen. Nimmst nicht deinen gesamten Kleiderschrank auseinander wenn wieder eine Socke fehlt. Und und und. Und warum bist du überhaupt so gereizt? Wozu? Nachdenklich setzt du dich auf eine endlich trockene Bank und guckst auf die fast eisfreie Spree. Und bist schon mittendrin, in der Einkehr und Umkehr...
Verzichten, auf das Übliche, das Selbstverständliche, damit man etwas schätzen lernt und völlig neue Wege sieht - das geht also auch anders. Kritik-Fasten, Lügen-Fasten, Ärger-Fasten, Nörgel-Fasten... klingt nach deutlich weniger Stress. Hm!
Wie könnte Euer Fastenprojekt aussehen? Überlegt mal. Was wäre ein gutes Selbst-Experiment? Es kann das ganze Jahr verändern. Und wir haben dafür genug Zeit. Die Tage werden ab jetzt ja wieder länger :)


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