Kolumne: Höhlenmenschen!
„Das Vergleichen ist das Ende des Glücks und der Anfang der Unzufriedenheit“ hat Kierkegaard mal gesagt. Recht hat er gehabt. Sich zu vergleichen scheint von Kindesbeinen an untrennbar mit Frustration verbunden – das Nachbarskind konnte schneller und besser Fahrradfahren, in der Schule sind es die Noten, der da vorne hat ein iphone und der Kollege verdient sage und schreibe ein Drittel mehr als man selber. Blöd. Zeit für die Vergleichs-Höhle, zum Verkriechen und Grämen. Sehen wir uns mal um, in dieser Höhle.
Zu jeder Höhle gehört natürlich Höhlenmalerei und Graffiti, und das sieht's bei den meisten Menschen folgendermaßen aus: Auf jeden Fall steht da schon mal in dramatisch knallroter Farbe in fetten Buchstaben „WARUM??“. Dann hat man darüber und darunter ein paar grobe Erklärungen hingekritzelt, und weil außer einem Selbst niemand in diese Höhle gucken kann, sind das eher keine netten, parteilosen Schlussfolgerungen, sondern eher Sätze die mit „Weil dieser Vollidiot“ oder „Weil diese dämliche Zicke“ anfangen und mit mehr oder weniger kreativen Beleidigungen enden. Alles in Rot geschrieben, alles in Wut.
Und auch schwarze Schriften bedecken die Wände rundherum, und da geht es um einen Selbst, um die eigene, mickrige, ungenügende, unverstandene verlorene Seele, und auch hier geht es nicht immer nett zu, und Vieles dreht sich um die Vergangenheit. Hätte ich nur! Warum habe ich nicht! Die letzten freien Stellen an den Höhlenwänden zieren Zeichnungen, die in der realen Welt vielleicht auf den Index kämen. Ein wüster, triefender, stickiger Ort, diese Höhle. Und so richtig hell ist es da auch nicht. Wir wollen das alles ja nicht wirklich gerne sehen.
Höhle klingt ja eher wie etwas aus der Steinzeit. Und so alt ist sie bestimmt auch, die Geschichte dieser Vergleichs-Hölle-Höhle. Wir bewerten halt immer. Gehört zum Gehirn. Hm. Klingt ja fatal. Und das ist es auch, wenn wir unseren Job bei der ganzen Sache vergessen: Wir, und nur wir allein, sind die Innendesigner der eigene Höhle. Wir glauben vielleicht jemand anderes hätte da kräftig mitgeholfen, vielleicht die Eltern und die ganzen nervenden Umständen undsoweiter. Und darüber kann man auch wunderbar mit den anderen Höhlenbesitzern reden, oder Bücher darüber schreiben und ein paar Alben rausbringen, und das ist auch gut so, nur so wissen wir schließlich, dass wir nicht die einzigen Verrückten sind, die ihre Wände mit „Ich hasse diese ganze Bürokratie!“ und „Warum ich??“ plakatieren.
Aber in deiner Höhle, da bist du allein, und was du da hin schreibst, bestimmst nur du. Der schwarze und der rote Stift werden da immer rumliegen; mach dir nichts draus, du darfst sie benutzen, und quengeln und schreien und weinen darfst du auch. Diese Höhle gehört für alle Zeit zu dir. Nur - was du da hinschreibst, was du da liest, wirst du mit nach draußen tragen. Denn du kannst da zwar jederzeit rein – aber auch wirklich zu jeder Zeit wieder raus gehen. Und wenn du draußen bist, dann such auch mal die Höhlenbesitzer, die nicht nur mit Schwarz und Rot malen. Das sind die, die prozentual mehr lächeln als die Anderen ;-)
Nicht nur mit Schwarz und Rot – ja was fehlt denn da noch, Schwarz, Rot…ach ja, GOLD! Und so geht’s: All das, was man schön findet, was man auch haben will, auch sein will undsoweiter, in Gedanken in Gold gießen. Segne das, was du liebst. Schon mal gehört? Übung macht auch hier den Meister. Wenn wir ablehnen, was wir eigentlich heimlich wollen, kriegen wir es nicht. Oder können es zumindest nie wirklich genießen. Ist doch schade! Schluss damit! Denn so geht Vergleichen auch: Sehen, was es alles Großes und Schönes und Neues gibt, weil wir dann erkennen, was alles möglich ist. Das hab ich noch nicht, aber der Andere! Es ist also möglich, soundsoviel Geld zu verdienen, soundso zu leben, diesunddas zu erreichen! Lena hat in Oslo gewonnen, die Nachbarin hat schon den ganzen Balkon voller Blumen, jemand bekommt ein Stipendium für das Studium das dich interessiert, ein Pärchen knutscht verliebt auf der Parkbank – siehst du! Es geht. Also: Roll den Stein vom Höhleneingang und lüfte mal ordentlich durch, nimm den Goldenen Topf mit rein und kleister damit die Wände voll, und dann mach mal das Licht an, und los geht’s: Was soll da heute stehen?


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