Kolumne: Filter

geschrieben am 22.06.2010 um 12:33 Uhr

Du bist aufgewacht, aber du hast den Wecker gar nicht gehört. Du schaust nach draußen, nichts. Keine Vogelgesänge, kein Wind, das Rauschen der Blätter, nichts. Es ist einfach still. Wie in einer Seifenblase, abgeschlossen von allen Geräuschen dieser Welt. Du hörst nur deinen eigenen Atem.

Du gehst durch Berlin und alles verändert sich. Ohne Baustellenlärm, Notarztsirenen, tausenden Liedern aus den Läden aller Straßen  - ist das noch die selbe Stadt? Die ganzen Menschen, alles immer Hin und Her, alles ist so absurd schnell, als würde der ewige Geräuschemix sie antreiben, locken, forttreiben, fast steuern. Du wirst langsamer und siehst ihnen eine Weile zu.

Wie wäre das wohl, wenn auch sie nichts hören könnten. Sicher, so eine Fahrradklingel macht schon Sinn, so kreuz und quer man hier nunmal fährt. Aber das würde sich dann ändern, oder nicht? Und das Gehupe der Autos – gäbe es dann weniger Unfälle, wenn jeder Fahrer wirklich genau schauen müsste, ob der andere überholen will? Das würde am Anfang alles verlangsamen, aber man gewöhnt sich dann doch bald an…sagen wir Rücksicht. Aufmerksamkeit. Und nimmt viel mehr wahr, was sonst im Lärm untergeht, weil es eben normal ist, laut und schnell zu leben, nicht wirklich zu hören. Und Fußball ohne Vuvuzela-Trance-Getröte! Stille wäre da Balsam, nicht nur für die Nerven der Spieler…Hm. Aber alles immer still?

Und wie wäre es dann, wenn man Geräusche filtert? Wir stellen unseren inneren Sensor auf „Vogelgezwitscher“ ein und uns bleibt einen ganzen Tag lang das Gehupe, Gekreische, Gegröhle erspart und wir laufen selig durch knallvolle Einkaufszentren als wäre es eine große freie Wiese. Das ist schon was anderes als mit Musik auf den Ohren die Welt zu übertönen.

Das muss man ein bißchen üben: Sich konzentrieren auf nur eine Art von Geräusch, wie zum Beispiel der eigene Atem oder auf die Stimme einer Frau in der U-bahn die leise vor sich hin summt. Das Ticken der Ampel. Die eigenen Schritte über Kies. Jeder hat so einen Filter, wir vergessen das aber manchmal. Und wundern uns warum wir gereizt sind oder warum sich Fußballspieler im höllenlauten Stadion plötzlich schubsen wie im Kindergarten. Filter an, Lärm aus! Du kannst selber entscheiden, was du hören willst und was nicht. Probier es aus!

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